23.07.2021

Fachkräftemangel bremst Aufschwung in der Region

Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen im Frühjahr blüht die regionale Wirtschaft insgesamt weiter auf. Einzelhandel, Gastgewerbe und Dienstleister treiben das Konjunkturklima für den IHK-Bezirk Hannover wieder auf das Vorkrisenniveau. Der regionale IHK-Klimaindikator steigt zum Ende des zweiten Quartals von 97 auf 113 Punkte, drei Punkte über den langjährigen Durchschnitt.
„Die Stimmung der Unternehmen hat sich zum Sommer über nahezu alle Branchen weiter aufgehellt. Nach der Entfesselung von den Pandemie-Restriktionen befeuert das Konsumklima in unserer Wirtschaftsregion den Aufschwung aus der Corona-Krise, der in einigen Branchen aktuell aber bereits durch fehlende Fachkräfte abgebremst wird“, sagt Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Hannover.
Im Facheinzelhandel springt der IHK-Indikator von 57 auf 100 Punkte, bei den personenorientierten Dienstleistungen von 66 auf 114. De aktuelle Geschäftslage im Einzelhandel dreht sich vom deutlich negativen (Saldo: -36) in den neutralen Bereich (Saldo: -1), in der Gastronomie geht es weiter aufwärts, aber die Geschäftslage bleibt noch im negativen Bereich (aktuell Saldo: - 17). Der Einzelhandel spürt damit bereits die wachsende Konsumlaune der Verbraucher, während in der Gastronomie noch wichtige Einschränkungen, etwa bei Familienfeiern und Events, weiter zu Umsatzausfällen führen.
Bei der Gastronomie gibt es auch regionale Unterschiede zwischen den sogenannten Urlaubsdestinationen und den städtisch geprägten Regionen. Während in der Region Hannover Städtetouristen, Geschäftsreisende und Messegäste fehlen (Klimaindikator: 52 Punkte), fallen sowohl die Geschäftslage als auch die Erwartungen im Weserbergland – einer typischen Urlauberregion – mit einem Indikatorwert von 103 Punkten deutlich freundlicher aus. Auch in Südniedersachsen mit dem Urlaubsziel westlicher Harz sind die Geschäftserwartungen positiver.
Mit dem Hochfahren der Geschäfte kommt schnell ein „altes“ Problem aus dem letzten Aufschwung wieder auf die Agenda der Unternehmen: Der Fachkräftemangel bremst den Neustart aus dem Lockdown. Und in einigen Branchen hat er sich sogar noch drastisch verschärft. In der Gastronomie sind viele Arbeitskräfte in den sieben Monaten mit Betriebsschließungen und Kurzarbeit in branchenfremde, vermeintlich krisensicherere Jobs etwa in der boomenden Logistik gewechselt. Jetzt fehlen hier Köche ebenso wie Fach- und Hilfskräfte im Service. 82 Prozent der Gastronomiebetriebe beklagen derzeit fehlende Fachkräfte und vereinzelt haben Betriebe darauf bereits mit weiteren Ruhetagen reagiert oder ihre Kapazitäten angepasst. In der gesamten regionalen Wirtschaft ist das Geschäftsrisiko Fachkräftemangel von 44 auf 56 Prozent in der aktuellen Umfrage gestiegen und damit bereits das zweitgrößte Problem nach den Energie- und Rohstoffpreisen.
Insgesamt blickt die regionale Wirtschaft noch optimistisch auf die zweite Jahreshälfte: 25 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer günstigen Entwicklung (Vorquartal: 20), nur noch 17 Prozent (Vorquartal: 28) erwarten eine ungünstige Entwicklung. Dieser Saldo von +8 ist identisch mit dem Wert für den Einzelhandel und liegt knapp über der Gastronomie (+6).
Sorge bereiten der regionalen Wirtschaft allerdings die aktuell schnell steigenden Inzidenzzahlen in der Region und die bislang einzig auf Inzidenzen fixierte Landesverordnung mit einer Laufzeit über nahezu den gesamten Rest-Sommer. Der Blick auf europäische Nachbarländer zeigt, dass die Inzidenzen auch in Niedersachsen durch Urlaubsrückkehrer oder im Grenzverkehr schnell über die festgelegten Schwellenwerte steigen können. Der dann greifende Automatismus über die Landesverordnung mit Reglementierungen, Testpflicht oder gar einer erneuten Schließung von Geschäften oder einem Verbot von personenorientierten Dienstleistungen würde den Aufschwung in der Region wieder schnell abstoppen und Betriebe erneut in Existenznöte bringen.
„Die regionale Wirtschaft engagiert sich stark für die Impfungen im Land und erwartet angesichts der großen Fortschritte, dass die Betriebe von der Politik jetzt kurzfristig eine verlässliche Perspektive für den Sommer bekommen und weiter arbeiten können. Wir sollten uns von den Inzidenzen lösen und brauchen so schnell wie möglich eine differenziertere Betrachtung der Lage unter Einbeziehung weiterer Indikatoren des Gesundheitssystems“, appelliert IHK-Hauptgeschäftsführerin Bielfeldt an die Landespolitik.