15.02.2021

Einzelhandel kämpft im Lockdown um jeden Kunden

Für den Einzelhandel ist die Schließung der Geschäfte seit Mitte Dezember eine wirtschaftliche Katastrophe. Der IHK-Konjunkturklimaindikator für den Facheinzelhandel erreicht mit 53 von 200 möglichen Punkten zum Jahresbeginn einen Tiefpunkt. "Der Einzelhandel ist in seiner Existenz bedroht. Den Händlern fehlt der Umsatz der letzten acht Wochen während die Fixkosten wie Miete weiter laufen. Und jetzt fehlt eine konkrete Perspektive, wann es wieder weitergehen kann", so Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Hannover.
Nur Lebensmittelgeschäfte, Drogerien und Apotheken dürfen seit zwei Monaten öffnen. Seit letztem Samstag sind auch die Blumenläden wieder auf. Händler in allen anderen Sortimenten über Bekleidung, Schuhe, Spiel- und Schreibwaren, Elektronik bis hin zu Möbeln müssen weiter geschlossen bleiben.
Ohne Onlineshop oder Abholung im Ladengeschäft geht für den Fachhandel derzeit nichts. Nur Einzelhändler mit einem zweiten Verkaufs-kanal über telefonische Bestellung (Click & Collect) oder einen Onlineshop haben derzeit zumindest die Chance zum partiellen Abverkauf, um die weiter laufenden Kosten etwa für Mieten zumindest teilweise decken zu können.
Viele Händler im Bezirk der IHK Hannover haben in den letzten Monaten neue Vertriebskanäle gestartet, oftmals aus der Not heraus, aber auch mit viel unternehmerischer Kreativität:
Kleine Familienbetriebe wie das Babyartikel- und Spielwarengeschäft Holzkopp in Hildesheim versuchen auch ohne die wichtige persönliche Beratung mit Hausmitteln dem Lockdown das Beste abzugewinnen. Die Kunden können über Window-Shopping im Schaufenster und ver-schiedene Social Media-Kanäle bestellen, kaufen und auch liefern lassen. Die sehr bescheidenen Erträge reichen allerdings nicht, um die Fixkosten zu decken. Inhaber Walter Karger kritisiert die ungleichen Wettbewerbsbedingungen, da Drogerien zum Beispiel weiter Spielzeug verkaufen dürften.
Die Firma Jens Koch aus Hildesheim (Lederwaren, Koffer und Taschen) hat im ersten Lockdown einen Webshop aufgebaut. Man war sich aber gleich bewusst, dass die nötige Reichweite nur mit deutlichen Investitionen in Online-Marketing erreicht werden kann. Jens Koch erklärt, „wenn man im Multilabel-Bereich unterwegs ist, zählt fast nur der billigste Preis.“
Auch das bereits 250 Jahre bestehende Schreibwarengeschäft Wiederholdt in Göttingen hat einen eigenen Online-Shop für Privat- und Firmenkunden. Während das Firmenkundengeschäft zufriedenstellend läuft, fehlen dem Ladengeschäft mit seinem großen Sortiment an Schreibwaren, Schulranzen und Lederwaren in zentraler Lage in Göttingen die Kunden. Wiederholdt erreicht mit seinen vielfältigen Aktivitäten inklusive Lieferservice nur einen Bruchteil der üblichen Privatkunden.
Größere Fachhändler wie das Modehaus Wellner in Hameln haben schon länger einen Onlineshop und verkaufen über verschiedene Plattformen wie Amazon und Zalando. Das Modehaus ist auch bei Social Media via Instagram, Facebook, Youtube und sogar bei Tik Tok aktiv. Eine Kundenapp und eine kostenfreie Servicehotline ergänzen die umfangreichen Aktivitäten von Holger Wellner. Trotzdem erreicht das Modehaus nur etwa 20 Prozent der üblichen Umsätze.
Ein großes Online-Angebot hat auch das Sporthaus Kreft in Stadthagen und Neustadt/Rbge. Die Homepage wird dabei im Rahmen einer Einkaufsgemeinschaft (Intersport) über die Zentrale gepflegt. Die E-Commerce Umsätze im Lockdown erreichen auch hier die 20-Prozent-Marke, wobei vor allem der große Kostenblock im Onlinehandel zu schaffen macht. Ob mit den derzeitigen Aktivitäten die Verluste sogar noch vergrößert werden, kann Geschäftsführer Jochen Kreft aktuell noch nicht einschätzen, "aber es ist immerhin ein Lebenszeichen an und eine Dienstleistung für unseren Kunden", so Kreft.